15. Mai 2012
Seehofer gibt Röttgen noch einen mit – in einer neuen Dimension .
Bei dem Nachlauf zu einer Live-Schalte zieht er über Röttgen und die Koalition her - persönlich und frei von der Leber weg. Das ist besonders glaubwürdig und für Zuschauer besonders spannend: Off the record, aus dem Geheimen, so als würde man Mäuschen in der Kabine des FC Bayern München spielen und Heynckes bei der Spielerschelte zuhören. Aus Versehen mitgehört – da unterstellt niemand politisches Kalkül. Aber: Handelt Seehofer nicht doch absichtlich?

Seehofer: Das können Sie alles senden!
Fall A: Er handelt planvoll – ein Todesstoß, der Seehofer nicht auf die Füße fällt
Virales Marketing: Es ist höchst wahrscheinlich, dass Seehofer spätestens seit seiner Horst 2.0-Party einen gewieften Social Media-Experten an Bord hat. Diesem dürfte vor allem ein Mechanismus bewusst sein: Videobelege, die eine anscheinend private Unterhaltung dokumentieren, sind sehr schnell viral. Freunde bei Facebook verteilen sie untereinander, Sensationslüsterne verbreiten das Video via Twitter, es erreicht über die Online-Medien Millionen. Für Social Media-Experten ist solch ein Video Gold wert.
Das ZDF nimmt immer auf: Zweitens dürfte Seehofer diese ZDF-Praxis bekannt sein: Bei den Schalten des ZDF wird normalerweise der gesamte Vorlauf und Nachlauf aufgezeichnet. Der Nachlauf ist lang, weil in dieser Zeit die vorherige Aufnahme überprüft wird. Erst wenn hier das OK kommt, wird die Verbindung gekappt. Die kurze schwarze Stelle ist ein Signal an den Cutter, dass der offizielle Teil zu Ende ist. Üblicherweise behandelt das ZDF diese Aufnahmen vertraulich. Das ist auch daran ersichtlich, dass Kleber ohne Rotlicht-Mimik vollkommen entspannt in eine normale Gesprächshaltung rutscht und auch sprachlich unpräzise wird. Also kurz: Seehofer hat vollkommen sendefähiges Material seines Wutausbruchs, und das weiß er.
Eiskalt geplant: Seehofer nutzt die Möglichkeit, ein vertrauliches Gespräch über soziale Netzwerke zu schicken und zu instrumentalisieren. Dafür spricht, dass Seehofer klare Botschaften an Röttgen und die CDU schickt und sie weiterhin publikumswirksam verpackt – ihm unterläuft kein Fehler so wie Kleber. Dagegen spricht, dass der Gesprächsverlauf sehr unvorhersehbar war und das Video ausschließlich bei diesem Verlauf diese Wirkung entfalten kann.
Falls Kalkül: Sehr professionell durchgeplant. Respekt. Wahrscheinlichkeit: Hoch.

Der Tweet des ZDF avanciert in kürzester Zeit zum Top Tweet
Fall B: Er handelt nicht planvoll – hochgefährliche Praxis
In jedem Interview gibt es einen offiziellen und einen nicht offiziellen Teil. Die Vorgespräche und Nachgespräche sind ebenso essentiell wie das Interview selbst. Sie dienen dazu, Beziehungen zu Journalisten aufzubauen und Vertrauen zu schaffen.
Rotlicht aus: media advice rät aber explizit zur Zwei-Raum-Praxis: Führen Sie inhaltlich schwierige Gespräche immer ohne Rotlicht, aber am Besten in einem anderen Raum. Wenn das nicht geht: Große Vorsicht. Bei ständigem „record“ gibt es kein off the record. Wie der Schwabe sagt: Der Teufel ist ein Eichhörnchen. Wenn eine Aufnahme einmal gemacht ist, kann sie wie eine versteckte Nuss immer wieder hervorgeholt werden. Denn auch löschen ist nicht permanent.
Weniger Risiko: Zudem müssen Sie sich vor sich selbst schützen – es ist durchaus möglich, dass ein fähiger Journalist Sie dazu bringt, im entspannteren Teil des Gesprächs Dinge zu sagen oder zuzugeben, die Sie lieber für sich behalten wollten. Und dann möglicherweise, in Rage geredet, einer Veröffentlichung zustimmen, ohne sich vollkommen der Konsequenzen bewusst zu sein. Grundsätzlich gilt: Wenn das was Sie sagen, interessant genug ist, findet die Aufzeichnung so oder so den Weg in die falschen Hände.
Aber Seehofer ist Medien-Profi und kein Bierseidel – es ist höchst unwahrscheinlich, dass gerade ihm ein solcher Lapsus unterläuft. Wahrscheinlichkeit: Gering.